Drei Tage zwischen Rückblick und Aufbruch
"Hat die Kuhzunft Zukunft?"
Drei Tage lang, vom 25. bis 27. September, wurde in Weitnau der Frage nachgegangen, wie die Zukunft der Landwirtschaft im Allgäu aussehen kann. Mit Ausstellung, Heimatabend, Feldtag, Abendforum und einer gemeinsamen Wanderung war die erste Station des Allgäuer Kongresses zur regionalen Agrarwende bewusst kein klassischer Fachkongress. Am Ende der drei Tage stand ein gemeinsam erarbeitetes „Allgäuer Manifest für eine regionale Agrarwende“.
Ausstellungseröffnung 25.09.2026
Den Auftakt machte am Freitag die Eröffnung der Ausstellung durch Weitnaus Bürgermeister Florian Schmid. Die Ausstellung beleuchtet die Rolle der Kuh und der Weide zwischen Landwirtschaft, Ökologie, Kulturlandschaft und regionaler Wertschöpfung und kam bei den Besucherinnen und Besuchern sehr gut an.
Heimatabend 25.09.2026
Beim anschließenden Heimatabend „Wie’s früher war“ wurde der Blick zurück lebendig – und durchaus unterhaltsam. Altbürgermeister Peter Freytag erzählte aus früheren Zeiten in Missen und Weitnau. Filmemacher Leo Hiemer berichtete über Carl Hirnbein, mit dessen Geschichte er sich in einem Dokumentarfilm und einem Buch intensiv beschäftigt hat. Markus Breitenbach, Vorsitzender des Fördervereins des Hirten- und Heimatmuseums Baschtlehaus in Ebenhofen, erzählte von der schweren Arbeit und dem Leben der Hirten und brachte historische Anschauungsstücke mit.
Dazwischen gehörte das offene Mikrofon den Gästen, die eigene Geschichten und Erinnerungen darüber beisteuerten, „wie es früher war“. Für die musikalische Begleitung sorgte die Koppbachtaler Stubenmusik aus Altusried. Später kamen drei Tanzpaare des Trachtenvereins hinzu und zeigten traditionelle Tänze und einen Schuhplattler. So wurde aus dem Heimatabend kein nostalgischer Rückblick, sondern ein lebendiger Abend über das, was die Landwirtschaft und das Leben im Allgäu geprägt hat. Geendet hat er erst spät.
Abendforum 26.09.2026 "Hat die Kuhzunft Zukunft?"
Rund 70 bis 80 Teilnehmende aus Politik, Landwirtschaft, Wissenschaft, Unternehmertum, Organisationen und Bürgerschaft kamen am Samstagabend zum Abendforum zusammen. Christine Bajohr eröffnete die Veranstaltung für AERA Land, die den Kongress initiiert hat. Grußworte sprachen Norbert Meggle, stellvertretender Landrat des Landkreises Oberallgäu, und Joachim Konrad, Landtagsabgeordneter für den Stimmkreis Kempten/Oberallgäu und 1. Vorsitzender des Landschaftspflegeverbandes Oberallgäu-Kempten.
Zwei Impulsvorträge stießen beim Publikum auf große Resonanz und gaben wichtige Denkanstöße für die anschließende Diskussion über die Zukunft der Allgäuer Landwirtschaft. Dr. Bettina Burkart-Aicher von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL), Expertin für Beweidung und das Zusammenspiel von Landwirtschaft, Biodiversität und Kulturlandschaft, stellte unter dem Titel „Was bleibt, wenn die Kuh geht?“ die Bedeutung der Weidewirtschaft für die Zukunft der Kulturlandschaft in den Mittelpunkt.
Prof. Dr. Martin Schneider von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Vorsitzender des wissenschaftlichen Kuratoriums der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum richtete anschließend den Blick auf die gesellschaftliche Seite von Veränderungsprozessen. Unter dem Titel „Wandel braucht mehr als gute Lösungen“ ging er der Frage nach, was Menschen und Regionen brauchen, um angesichts großer Veränderungen handlungsfähig zu werden und zu bleiben.In der anschließenden Podiumsrunde trafen unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Norbert Meggle für Politik und Verwaltung, Fabian Höß für die Alpwirtschaft, Hannes Feneberg für Handwerk und Handel sowie Martin Siebert für Bildung und Nachwuchs. Dabei ging es bewusst noch nicht darum, einzelne Maßnahmen festzulegen, sondern um die Richtung.
Danach wurde das Publikum einbezogen. In drei kurzen „Sprints“ arbeiteten die Teilnehmenden gegen Ende an den zentralen Fragen für das spätere Manifest: Wohin wollen wir? Was muss bleiben? Und wofür sind wir selbst bereit einzustehen? Das Team von AERA Land schrieb an diesem Abend mit, wie auch an den Tagen zuvor. Aus diesen vielen Stimmen, Gedanken und Beiträgen entstand noch in der Nacht das „Allgäuer Manifest für eine regionale Agrarwende“.Feldtag 26.09.2026
Viel Zeit zum Ausschlafen blieb nicht. Bereits am Samstagmorgen wurde auf dem Arche-Hof Birk in Hellengerst für den Feldtag aufgebaut. Unterstützt wurde der Feldtag von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege vertreten durch Dr. Bettina Burkart-Aicher. Bei gutem Wetter startete dort um 10 Uhr das Programm mit rund 50 interessierten Besucherinnen und Besuchern.
Nach einer kurzen Einführung von Christine Bajohr, Geschäftsführerin der AERA Land gGmbH, in das europäische HORIZON-Projekt GroundWork und den Ansatz des im Allgäu entstehenden Reallabors AGRI FUTURE LAB Bayern konnten sich die Teilnehmenden verschiedenen Gruppen anschließen. Direkt auf dem Betrieb und den umliegenden Flächen ging es um Boden, Beweidung mit Holistic Planned Grazing, Biodiversität und Betriebskonzepte – vorgestellt von versierten Praktikerinnen und Praktikern aus Landwirtschaft und Naturschutz. Ergänzt wurde das Programm durch Infostände und eine kleine Posterausstellung zur Biodiversität auf der Weide. Auch „LOOPi“, das neue, von AERA Land entwickelte KI-gestützte Erfassungs- und Managementtool, konnte von den Besucherinnen und Besuchern getestet werden.Wanderung auf den Gipfel 27.09.2026
Am Sonntagmorgen ging es bei schönstem Sonnenschein wie geplant noch einmal hinaus. Um 9.30 Uhr begann der gemeinsame Aufstieg auf den Hauchenberg. Mittags am Gipfelkreuz, nach einer Erfrischung und einem „kuhlinarischen“ Imbiss, den Martin Wiedemann-Bajohr vom KugelSüdhangHof mit seinem Oldtimer-Bergtraktor für die Wandergruppe angeliefert hatte, wurde das in der Nacht entstandene Manifest erstmals verlesen.
Damit schloss sich der Kreis der drei Tage: vom Blick zurück auf die Geschichte der Allgäuer Landwirtschaft über die Auseinandersetzung mit ihrer heutigen Situation bis zur gemeinsamen Frage, wohin es in Zukunft mit der Kuhzunft gehen soll.
Ein Manifest als gemeinsamer Kompass
Das Manifest fasst in sechs Punkten zusammen, woher die Region kommt, was sich verändert, wohin sie will, was erhalten bleiben soll, mit welcher Haltung der Weg gegangen werden soll und wofür die Beteiligten selbst Verantwortung übernehmen wollen. Im Mittelpunkt steht eine regionale Agrarwende, die ökologische Grenzen, Tierwohl und wirtschaftliche Tragfähigkeit miteinander verbindet.
Das Manifest versteht sich als Kompass und gemeinsame Richtung für den weiteren Prozess. Wer diese Richtung mittragen möchte, kann das „Allgäuer Manifest für eine regionale Agrarwende“ ab sofort hier unterzeichnen. Es wird uns zu den nächsten Stationen begleiten.
Wir freuen uns sehr, wenn viele Menschen diese Initiative mittragen.
